Johann Jacobs Museum
Seefeldquai 17
8034 Zürich
Dienstag 16-22h, Samstag/Sonntag 11-17h
Eintritt Sfr. 7. - ab 26 Jahre
+41 (0) 44 388 61 90
office@johannjacobs.com

Zheng Mahler: Mutual Aid

In welcher Beziehung steht der Schweizer Uhrenhersteller Tag Heuer zur Anarchie? Und was verbindet das im Hochjura gelegene La Chaux-de-Fonds mit Jingdezhen, der „Hauptstadt des Porzellans“ in der chinesischen Provinz Jiangxi?

14. Juli bis 30. Oktober 2016

Ausstellung

Mutual Aid (Gegenseitige Hilfe) lautet die zweite Ausstellung des Künstlerduos Zheng Mahler (Hongkong) im Johann Jacobs Museum Zürich. Wie bei „A Season In Shell“ (2014), ihrer ersten Ausstellung, folgen sie einer ebenso spekulativen wie empirisch untermauerten Recherche in die Mysterien des globalen Handels zwischen Europa, China und Afrika: Die Schweiz. Die Uhr. Die Anarchie.

Es waren Uhrenmacher aus dem Jura, die sich zur sogenannten „Juraföderation“ zusammenschlossen. Weit oben in den Bergen begründeten sie eine Form des gemeinsamen Arbeitens und Lebens, die jeglicher staatlichen oder religiösen Regierung abschwor. Die einzelnen Arbeitsschritte in den selbstverwalteten Manufakturen von La Chaux-de-Fonds griffen dabei so präzise ineinander wie die sprichwörtlichen Rädchen des Uhrwerks.

Tief beeindruckt von diesem sozialen Experiment, verfasste der russische Anarchist, Biologe und Aristokrat Pijotr Kropotkin nach seinem Besuch im Jura das Pamphlet über die „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902). Damit wandte er sich nicht zuletzt gegen Darwins Evolutionstheorie.

Uhren waren nahezu das einzige westliche Gut, das vor dem ebenso strengen wie hochästhetischen Blick des chinesischen Kaisers Bestand hatte. Umgekehrt war der westliche Bedarf nach Tee, Porzellan, Seide und anderen chinesischen Produkten unermesslich. Um der Nachfrage gerecht zu werden, hatten die chinesischen Porzellan- und Teeproduzenten bereits im 18. Jahrhundert vorindustrielle Arbeitsformen entwickelt. Damals wurden in Jingdezhen täglich bis zu einer Million Stücke Porzellan gefertigt, um in alle Welt verschifft zu werden. Von einer solchen Produktivität konnte Europa nur träumen, lernte seine Lektion aber bald mit Hilfe von Gouachen, welche die Produktionsabläufe dokumentierten.



Da China vornehmlich Silber und Gold als Handelsgut akzeptierte, blieb den Westlern angesichts ihrer horrenden Leistungsbilanzdefizite bald nichts anderes mehr übrig als Kriege mit China anzuzetteln, die nicht nur die chinesische Ökonomie, sondern in der Folge auch das gesamte Kaiserreich zerstörten. Das Kropotkinsche Prinzip der „gegenseitigen Hilfe“ wurde nach der kommunistischen Machtübernahme in China heimisch. Bis heute bildet es einen zentralen Pfeiler der modernen chinesischen Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, insbesondere mit Afrika.