Johann Jacobs Museum
Seefeldquai 17
8008 Zürich
Dienstag 16-22h, Samstag/Sonntag 11-17h
Eintritt Sfr. 7. - ab 26 Jahre
+41 (0) 44 388 61 90
office@johannjacobs.com

Allan Sekula:
The Dockers‘ Museum

Allan Sekula (1951 – 2013) spannt die assoziativen Netze ebenso weit
wie feinmaschig, auf dass sich darin der ozeanische Handel einfangen
und bergen lasse.

9. Dezember bis 15. März 2015

Ausstellung
kuratiert von Jürgen Bock


28. Februar 2015

Gespräche/Buchpräsentation

Trotz der rund 100 000 Schiffe, die in just diesem Moment mit so ziemlich allem, was wir zum Leben brauchen, unterwegs sind und trotz der rund 1.5 Millionen Hafenarbeiter, die hier wie dort den globalen Umschlag gewährleisten, ist dieser ebenso träge wie unabdingbare Handel eine im Wesentlichen unbekannte Größe – oder sind die Weltmeere, mit den Worten des Künstlers, ein „vergessener Raum“.

Mit dem Dockers‘ Museum [Museum der Dockarbeiter], das ins Johann Jacobs Museum Einzug hält, trägt Sekula diesem vergessenen Raum Rechnung. Das Dockers‘ Museum ist eine Ansammlung von Treibgut: von Bildern, Dingen und Gedanken. Unter den Exponaten findet sich eine Kollektion von bunten Billigflaggen, in deren Zeichen Containerschiffe und Tanker zu nahezu rechtsfreien Räumen mutieren, aber auch Plastikfigürchen von Hafenarbeitern, die in Kalifornien designt und in China produziert werden. Gerahmt wird dieses Dinguniversum von der Foto- und Textserie Ship of Fools, mit der Sekula in Anlehnung an Sebastian Brants 1494 in Basel erschienener Kirchensatire „Das Narrenschiff“ der MV Global Mariner ein Denkmal setzt.

Die MV Global Mariner wurde 1998 von der International Transport Workers Federation als Ausstellungsschiff flottgemacht und auf eine 18 monatige Wandertour durch die Häfen dieser Welt geschickt. Die Ausstellung an Bord suchte über die maritimen Arbeitsbedingungen aufzuklären und Bande der globalen Solidarität zu knüpfen. Nach seiner Grand Tour kollidierte der Frachter vor Venezuela mit einem Containerschiff und sank.




In der Fotoserie „Ship of Fools“ [Narrenschiff] hat Sekula einige Momente dieser abenteuerlichen Reise eingefangen und damit dem unermüdlichen Kampf für eine gerechtere Ordnung der Weltmeere ein Denkmal gesetzt. Der Titel „Narrenschiff“ ist dabei keineswegs lächerlich gemeint, sondern scheint einer Interpretation des französischen Philosophen Michel Foucault zu folgen. Dieser hatte in seinem Buch „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ ein Gemälde von Hieronymus Bosch – „Das Narrenschiff“ (1500-16) – als letzte Bastion einer frei waltenden Unvernunft gedeutet, bevor letztere vom Geist der Aufklärung weggesperrt und „diszipliniert“ wurde. In Analogie dazu hat auch die Global Mariner eine Lebensrealität sichtbar gemacht, die von der vorherrschenden ökonomischen Wissens- und Wahrnehmungsordnung weitgehend verdrängt wird.





Im Dockers‘ Museum ist diese moderne Variante des „Narrenschiffs“ mit einer Sammlung von Objekten angereichert, die allesamt zur phantas­ma­gorischen Lebenswelt der Hafenarbeit gehören: seien es kleine Kaffee­säckchen aus Santos, die an die historischen Ursprünge des globalen Seehandels erinnern, seien es Dockarbeiter als Plastikfigürchen, die in Kaliforniern designt und in China hergestellt werden, sei es das Modell einer menschlichen Wirbelsäule, die sich unter der Last der körperlichen Arbeit krümmt, oder ein Filmstill aus dem US-amerikanischen Musical „The Thrill of Brazil“ (1946), in dem die Tänzer die schweren Säcke ganz locker auf den Köpfen balancieren. Sekula hat all diese Dinge im Internet ersteigert, dem Medium also, das für das Unsichtbar­werden der materiellen, körperlichen Arbeit mitverantwortlich ist. Unter ihnen findet sich auch die kleine Plastik „Débardeur du port d’Anvers“ [Hafenarbeiter in Anvers] (1890) von Constantin Meunier, einem belgischen Bildhauer, der insbe­sondere für seine naturalistischen Arbeiterdarstellungen berühmt ist. Sie zeigt den Hafenarbeiter so wie er dem Kapitalisten nicht gefallen dürfte: als jemanden, der in seiner Arbeit innehält und in aufrechter, ja stolzer Haltung das Treiben betrachtet – vielleicht, um über seine eigenen gesellschaftlichen Daseinsbedingungen nachzudenken.




Ende Februar präsentierten wir im Rahmen dieser Ausstellung das Buch
„Ship of Fools/The Dockers‘ Museum“
(hg. von Hilde Van Gelder, mit Textbeiträgen von Jürgen Bock, Gail Day, Bart de Baere, Steve Edwards,
Allan Sekula, Sally Stein, Alberto Toscano und Hilde Van Gelder) und
widmeten dem Künstler eine Konferenz.