Johann Jacobs Museum
Seefeldquai 17
8008 Zürich
Dienstag 16-22h, Samstag/Sonntag 11-17h
Eintritt Sfr. 7. - ab 26 Jahre
+41 (0) 44 388 61 90
office@johannjacobs.com

Gonzalo Díaz

„Terras do sem fim“, ein Buch wird seziert. Künstler können soetwas tun: ein Buch auseinanderzunehmen, wie ein Anatom einen Körper zerlegt. Bei dem Buch handelt es ist nicht um irgendein Buch, sondern um den Roman „Terras do sem fim“ – einen Klassiker der lateinamerikanischen Literatur. Im Jahre 1943, als er diesen Roman verfasste, war der brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado noch bekennender Kommunist.

26. April bis 10. Juli 2016

Ausstellung

19. Mai, 19 Uhr 30

Gonzalo Díaz im Gespräch mit Roger M. Buergel

16. Juni, 19 Uhr

Chile or key experiences of Latin American conceptual art.
Francisco Godoy Vega im Gespräch






Der Roman behandelt die wirtschaftlichen und sozialen Verstrickungen rund um Ilhéus, einer Hafenstadt im Nordosten Brasiliens. Dieses saftige Stück Land war für den Anbau von Kakao besonders fruchtbar und dementsprechend hart umkämpft. Amado schildert den blutigen Krieg zweier Clans, die sich in ihrer Gier nach lukrativen Geschäften nahezu gegenseitig ausrotten.

Wie kommt Gonzalo Díaz dazu, dieses Buch in seine Bestandteile zu zerlegen, Seite um Seite einzeln einzurahmen, um die gerahmten Buchseiten auf Augenhöhe entlang der Galeriewände aufzureihen? Nicht alles, was Kunstwerke tun, lässt sich sprachlich auflösen. Deutlich ist nur, dass sich Díaz ein Stück weit von Amados Roman losmacht, um das Buch als skulpturales Rohmaterial einsetzen zu können. Die Buchseiten werden in eine einfache, aber umso einprägsamere Figur überführt: die Horizontlinie.

Diese Linie ist eine Schlüsselfigur der kolonialen Imagination. Und sie ist die Schwelle, die es zu überschreiten gilt. Die Horizontlinie erscheint unmittelbar und konkret (davon zeugen so viele holländische Gemälde des „Goldenen Zeitalters“), während sie zurückweicht und mit elendem Verrecken droht.

Eine Kommission des Johann Jacobs Museums

Gonzalo Díaz, geboren 1947 in Santiago de Chile, ist ein Konzeptualist. Ihm geht es bei aller sinnlichen Prägnanz um die präzise Fassung einer Idee. Das Abstraktionsniveau erscheint hoch, doch ist die Horizontlinie keine Abstraktion. Sie ist ebenso konkret wie jemand auf die Idee gekommen sein muss, den Seeweg nach Indien zu suchen, das Gold der Azteken zu stehlen und den Urwald umzuholzen, auf dessen fruchtbarem Grund der beste aller Kakaos gedeihen wird.

Díaz hat Chile nie verlassen und daher ab 1973 die bleiernen Jahre der chilenischen Diktatur erlebt, die eine Ausgeburt der US-amerikanischen Wirtschaftinteressen in ihrem selbst deklarierten Hinterhof war.
Die chilenische Kritikerin Nelly Richards hat die traumatisierenden Auswirkungen des mörderischen Regimes als „Krise des Verständnisvermögens“ beschrieben. Die Diktatur zersetzt die feinen Netze der menschlichen Kommunikation; sie stiftet Sprachlosigkeit und Isolation (so wünscht sie sich ihre Untertanen). Auch vor diesem Hintergrund lässt sich die Zerlegung des Buches begreifen: als Arbeit an der Sprache (im weitesten Sinne).