Johann Jacobs Museum
Seefeldquai 17
8008 Zürich
Dienstag 16-22h, Samstag/Sonntag 11-17h
Eintritt Sfr. 7. - ab 26 Jahre
+41 (0) 44 388 61 90
office@johannjacobs.com

Not Dressed for Conquering

Begeben wir uns nun in die versiegelte und geschichtsblinde Welt der Mode, um deren schöne Oberfläche einzuschmutzen: mit Bildern und Texten, die vom Kolonialismus erzählen, von den Geschlechterordnungen und vom Klassenkampf. Das alles auf Stoff gedruckt, selbstverständlich — dem der Mode ureigensten Medium. Gerahmt wird die Präsentation durch Performances, ohne welche das Fashion Business nicht auskommt. Unsere Kollektion spielt mit high und low, sie knüpft sich aber auch die hartnäckige Zuschreibung des Textilen als „weiblich“ und „Kunsthandwerk“ vor. Die Inspiration für den Titel der Arbeit verdankt sich der Ablehnungshaltung einiger Müßiggänger im Lima des 19. Jahrhundert. Zur Rede gestellt auf offener Straße, warum sie denn nicht arbeiten würden, entgegneten sie frech: „Zum Welterobern fehlen uns die passenden Klamotten.“

8. Mai bis 28. Juni 2015

Boutique

HC 04 TRANSPORT (Handtaschen, Halskette)
Die Lieferketten des verschlankten Einzelhandels laufen über Rädchen, wie geschmiert von Strichcodes, automatisierten Kränen, beschilderten Containern und Riesenschiffen. Doch noch immer bedarf es menschlicher LastträgerInnen.

Die Mode hat ihren Ursprung in der Haute Couture. Der Begriff meint buchstäblich „Schneiderei“, also das Zuschneiden und Vernähen von Stoffen. Die Haute Couture bildet den Gegenpol zu nicht-westlicher Kleidung, bei der Stoffe eben nicht zugeschnitten und daher gern als „ethnisch“ oder „primitiv“ abgetan werden.
Die Haute Couture erfüllt noch immer, und äußerst effizient, die Funktion, gesellschaftliche Unterschiede zum Ausdruck zu bringen. Die Mode selbst wiederum ist ein globales Geschäft. Es lebt von der Konfektionsware und den Accessoires, die gleichfalls im Dienst der Markierung sozialer Unterschiede und der Fixierung von Geschlechterrollen stehen. An der globalen Kapitalakkumulation hat dieses Business einen gehörigen Anteil; stets von neuem ist es auf der Pirsch nach noch billigeren Produktionsstandorten. Damals wie heute läßt sich das Schneidern nicht automatisieren.
Unsere Kollektion kennt unterschiedliche thematische Schwerpunkte und Präsentationsformen. Es sind Stoffentwürfe, die sich wie Objekte ausstellen lassen, die mit ihren aufgedruckten Schnittmustern aber auch zu Hemden verarbeitet werden können. Accessoires werden konfektioniert und am geeigneten Ort, sprich: in eigens errichteten Boutiquen verkauft. Die Motive werden auch auf andere Medien übertragen und dadurch verstärkt: auf
Postern oder Flugblättern, in Performances, Skulptur, Musik oder Film. Diese Medien können ihrerseits ins Zentrum der Kollektion rücken. In manchen Kulturen erscheinen Körperbewegung, Film und Gesang als direkte Übersetzungen textiler Muster, bei denen sich die Farben bekriegen oder wenigstens im Streit miteinander liegen. Vom musikalischen Offbeat getragen, rütteln diese Muster an ihrer Einfassung oder Säumung, die sie als Ausdruck einer Ordnung deuten, die es zu sprengen gilt.
Die verschiedenen Kollektionen speisen sich aus dem gleichen Geist, der einst jene Müßiggänger in Lima dazu motivierte, keine passenden Klamotten für die Welteroberung zu tragen, und der heutzutage PlündererInnen und KrawallmacherInnen—diesen veritablen Flashmob—beseelt.

Zur Eröffnung: Einführung von Ines Doujak und John Barker;
Über Zynismus und Zensur. Peter Osborne (Professor Of Modern European Philosophy, Kingston University London) im Gespräch mit Roger M. Buergel


NOT DRESSED FOR CONQUERING HC01 – HC09 ist Teil einer laufenden, langfristig angelegten Recherche unter dem Titel LOOMSHUTTLES/WARPATHS. Gegenstand der Untersuchung ist das komplexe Wechselverhältnis von Stoffen, Kleidung und Kolonialismus im Zeichen der Globalisierung einst und jetzt.

FERTIG ZUR AUSLIEFERUNG
HC 01 FIRES (Hemden) Der Krieg gegen die Armen oder NäherInnen schuften eingeschlossen in Fabriken mit notorisch überlasteten Stromkreisen unter Todesgefahr, oder zumindest der Gefahr grauenhafter Brandverletzungen, um erbarmunglos knapp kalkulierten Aufträgen nachzukommen.
HC 02 DIRTY SECRETS (Hüte, Schals) Die Tradition bekommt gute Noten, so sie dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dient, schlechte allerdings, wenn sie Rezepte zur Überwindung des Status Quo bereithält. Inmitten des scharf geschnittenen Schwarzen Quadrats verbirgt sich das dreckige Geheimnis von tausend Jahren Stoffmuster.
HC 03 CARNIVAL (Stoff) Die Stimme des Herrn gerät in Stocken, sobald herrenlose Stimmen in der Finsternis ein unversöhnliches Freudengeheul anstimmen.
HC 04 TRANSPORT (Handtaschen, Halskette) Die Lieferketten des verschlankten Einzelhandels laufen über Rädchen, wie geschmiert von Strichcodes, automatisierten Kränen, beschilderten Containern und Riesenschiffen. Doch noch immer bedarf es menschlicher LastträgerInnen.
HC 05 APES (Turnschuh) Nachdem Mann und Frau das Paradies verschlossen war, rührte sich der Affe nicht von der Stelle. In Gefangenschaft muss der faule Lump für sein Essen malochen und fragt sich: Warum bloß sind die Dinge wie sie sind?

DEMNÄCHST
HC 06 THE DEVIL (Anzug, Zelt) Der Teufel eröffnet eine Abendschule, um hier das Geheimnis von Erfolg und Misserfolg zu lehren. Zum Curriculum zählt der Einsatz von Drogen im Krieg, der Krieg gegen die Drogen, die Drogen als Krieg und der Drogenkrieg.
HC 07 NAKEDNESS (Unterwäsche) Die Wilden waren schamlos; die Kaiser trugen feinstes Tuch.
HC 08 TRADE (Mantel) Stolz weht die Fahne des Freihandels, so will es die alte Mär. Und das in einer Welt geistiger Eigentumsrechte, Quoten, Sanktionen, bilateraler Verträge und komparativer Nachteile.
HC 09 WOMEN (Stiefel, Parfum) Zur Fügsamkeit angehalten, tauchen die Widerspenstigen dieser Welt an der Frontlinie des Kampfes für das Existenzminimum und die ArbeiterInnenrechte auf.

AUSKUNFT: inesdoujak@hotmail.com